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Neue Lust auf Litauen. Urlauben wie Thomas Mann: Die Kurische Nehrung an der baltischen Ostseeküste erlebt eine touristische Wiedergeburt. Auf Rundreise mit Rad und Rucksack (2005)
Astrid Thomsen, Artikel erschienen am 19. Juni 2005 / WELT AM SONNTAG

Was ist Glück? Glück ist, bei Sonnenschein nach einer verregneten, mit Mücken verseuchten Nacht über die Dünen der Kurischen Nehrung zu klettern und das Meer zu riechen. Der Wind schmeckt nach Salz. Brandungswellen donnern, Strandhafer sticht die Füße. Am Horizont sind kleine Punkte zu sehen, Bernsteinsucher auf ihrem morgendlichen Kontrollgang. Ich packe das Zelt auf mein Fahrrad und fahre weiter. Die litauische Seite der Nehrung ist hügelig und so schmal, daß an manchen Stellen die Ostsee und das Haff gleichzeitig zu sehen sind. Die Luft ist klar, riecht nach Harz und prickelt wie frisch eingegossenes Mineralwasser. Eine Teerstraße und viele Sandwege führen von Norden nach Süden durch dichten Kiefernwald der russischen Grenze entgegen. Diese Straße ist die schnellste Verbindung zwischen Memel (Klaipeda) und Königsberg (Kaliningrad) und stark befahren. Viele Autofahrer betrachten Fahrradfahrer als lästiges Übel, das auf der Straße nichts zu suchen hat. Aber es gibt inzwischen Fahrradwege. Der größte Teil dieser Halbinsel ist Nationalpark. Während die Autofahrer an der Einfahrt zum Park abkassiert werden, darf ich passieren. Der nächste Ort ist Schwarzort (Juodkrante). Von vorherigen Besuchen weiß ich, daß es dort die beste Rote-Beete-Suppe aller Zeiten gibt. Eigentlich bin ich hauptsächlich wegen dieser Suppe nach Litauen gefahren. Sie ist mild und kräftig zugleich, mit viel Dill, ihr herausforderndes Lila wird durch Sahne aufgehellt. Auf den Grund des Tellers gehört ein halbes Ei. Ich hatte einen Imbiß direkt am Haff mit Plastikstühlen, Sonnenschirmen und Rauchwolken über dem Schaschlikgrill in Erinnerung. Aber hier ist der Fortschritt schon angekommen. Überdachte Holzbänke, ein gestreßter Kellner, und die Suppe ist aus! Ich flüchte. Im Nationalpark darf nicht gezeltet werden, wer Feuer macht, muß mit schweren Strafen rechnen. Obwohl von so viel Wasser umgeben, ist die Trockenheit auf diesem Sandstreifen extrem und das Gras braun und struppig. Ich suche mir eine Unterkunft in einem kleinen Fischerdorf am Haff, in Perwelk (Pervalka), das längst kein Fischerdorf mehr ist, weil alle Fischer pleite. Statt dessen leben jetzt Touristen in den braunen Holzhäuschen, die sich zwischen großzügigen Blumenbeeten ducken. Manchmal ist jedes Zimmer von einer Familie besetzt, Bad und Küche werden gemeinsam genutzt. Die Besitzer wohnen solange im Schuppen. Mein Vermieterehepaar kommt aus Kaunas und lebt hier im Sommer mit Kindern und Enkelkindern. Er ist Architekt, wie seine Frau sagt. Sie ist den ganzen Tag auf den Beinen und putzt, macht den Garten und hält die Gäste bei Laune. Im Winter ist das Dorf ausgestorben, nur die Alten bleiben. Das größte Restaurant in Perwelk hat einen Internetraum. Das Lokal ist eingerichtet wie die Wohnzimmer in amerikanischen Filmen. Sofas in der Mitte und viel Platz. Nach dem Abendbrot gehen alle noch mal spazieren, der Ort ist klein, da ist man schnell rum. Aber er hat eine Uferpromenade und eine lange Mole ins Wasser. Dort wird geangelt, sich unterhalten oder einfach nur herumgestanden. Der Himmel verfärbt sich von Hellblau zu Rosa und dann Dunkelblau. Am nächsten Tag gehe ich ins Haff. Das Wasser ist lauwarm, und der Horizont verschwimmt in der flirrenden Hitze. Ich gehe und gehe, und es wird nicht tiefer. Ich traue mich nur, weil ein Einheimischer auch geht. Die Fische im Haff sind riesig, ihre Zähne sind riesig und ihre Augen auch. Manche liegen tot am Ufer herum. Das Wasser ist nicht sauber. Die Memel, litauisch Nemunas, bringt Abwässer aus verschiedenen Ländern. In Nidden (Nida ), wo Thomas Manns Sommerhaus steht, tobt das Leben. Viele Fahrradfahrer in schicker Sportkleidung auf Mountainbikes. Souvenirläden, alle drei Meter eine Gaststätte, ein moderner Campingplatz, viel Kultur und riesige Dünen. In der Karaokebar werden auch die schlechtesten Sänger noch gutmütig beklatscht. Nach drei Tagen nehme ich ein Schiff hinüber zum Festland. Früher gab es hier Linienverkehr, schnelle Luftkissenboote, die die Memel weit hochfuhren. Aber die sind nicht mehr rentabel, nun verdienen sich viele Kapitäne mit ihren kleinen privaten Booten das Geld. Mein Fahrrad wird samt Gepäck von der Besatzung über die Reling gewuchtet, mit an Bord ist noch eine Reisegruppe, die diesen Ausflug gebucht hat. Wir werden zunächst an das Mündungsdelta der Memel gebracht. Der Strom verzweigt sich hier in einer Schilf- und Wiesenlandschaft. Weite Teile stehen unter Naturschutz. Das Schiff nimmt Kurs auf Minge (Minija ) an einem Seitenarm der Memel. Wir ankern an einer Wiese, gehen über ein Brett an Land. Dieser Ort wird als das Venedig Litauens bezeichnet. Das muß ein Irrtum sein. An dem Fluß liegen rechts und links kleine, teilweise verfallene Häuser. Wer zur anderen Seite will, muß ein Boot nehmen. Kinder verdienen sich Geld mit dem Vermieten von Tretbooten. In einem kleinen Hotel, das einzige modernisierte Haus im Ort, frage ich nach Essen. "Nein, gibt es nicht, auf keinen Fall." "Vielleicht Butterbrote?" "Na gut, aber mit warten." Am Flußufer sitzt ein braungebrannter Mann und nimmt Aale aus. Ich frage, ob man in dem Fluß baden kann. "Gut, gut", sagt er und springt zum Beweis hinein. Ich schwimme den Ort entlang, rauf und runter. Das Wasser ist dunkelbraun. Danach gibt es die besten Butterbrote meines Lebens. Einfach nur Brot, Butter und Wurst. In den Wiesen hinter Minge beginnen die Schotterpisten mit Wellblechrillen, die in kaum einer Fahrradreisebeschreibung über Litauen fehlen. Heu wird eingefahren, Störche haben sich zu Herden zusammengetan. Ein älterer Mann bastelt an seinem Trecker herum. "Ja, ja, schön ist es hier", sagt er auf deutsch, "aber der Winter! Neun Monate Winter und drei Monate Sommer!" Er arbeitet weiter, und ich kämpfe gegen den Staub, den Lkw kilometerweit hinter sich herziehen, gegen die Rillen und die Hitze. Schatten suchen hat keinen Zweck, da lauern schon die Mücken. Von einem einsam liegenden Bauernhof hole ich mir Wasser. Es ist eiskalt und klar, frisch aus dem Brunnen. Abends suche ich lange nach einem geeigneten, ruhigen Platz für mein Zelt. Es ist Wochenende, und die schönsten Plätze stehen voll mit Autos und Zelten. Memel, die Stadt, ist nicht weit weg. Während die anderen lachen, angeln und Musik hören, bin ich wütend und habe Kopfschmerzen. An einer Badestelle in Ruß (Rusne) im Memeldelta gebe ich die Suche auf. Am gegenüberliegenden Flußufer liegt verheißungsvoll das Kaliningrader Gebiet. Aus einigen Wohnblocks von Ruß kommen Familien, Seifenschalen und Handtücher in der Hand. Sie waschen sich im Fluß und schlendern wieder nach Hause. In einem Garten gießt eine Frau die Beete. Sie erlaubt mir, auf dem Rasen hinter ihren Johannisbeeren zu zelten. Der Weg durch den Nationalpark um Ruß führt wieder über Schotterstraßen, aber ohne Verkehr. Wenn auf irgendwas die Bezeichnung "sattes Grün" zutrifft, dann auf diese Weiden, die von vielen großen und kleinen Gräben durchzogen sind. Die schwarzweißen Kühe sehen aus wie frisch gewaschen. Ich habe nichts mehr zu essen, und Läden gibt es in diesem Gebiet nicht. Eine Bäuerin gräbt mir einige Kartoffeln aus ihrem Garten und verkauft Eier. Auf dem Weg nach Memel finde ich ein Restaurant, das ausgezeichnete Rote-Beete-Suppe anbietet. Die Strecke führt stundenlang durch Kiefernwälder an einem Kanal entlang. Das soll eine Abkürzung sein. Eine Brücke würde mich zur Hauptstraße und dann zum Fähranleger bringen. Es gibt keine Brücke, nur Brückenreste. Die Strecke wird einsam, keine Menschenspuren, ein Fuchs läuft vor mir her, kein Papier, kein Motorengeräusch. Der Sand ist so locker, daß ich viele Kilometer schieben muß. Die Wiesen sehen aus, als wären sie extra für einen Märchenfilm mit Engeln und Feen entworfen worden. Gegen Abend stehe ich auf einer riesigen Heidefläche mit niedrigen Büschen. Hinter den Sträuchern hocken Soldaten mit geschwärzten Gesichtern, ragen Panzerrohre hervor. Ich trete den Rückzug an, schwenke meine helle Landkarte, als Beweis für meine guten Absichten. Ein freundlicher Leutnant zeigt mir auf seiner Karte den Weg zur Fähre. Am nächsten Tag sitze ich an Deck und sehe zu, wie sich das Schiff langsam aus dem Haff herausschiebt. Rechts kilometerweit Kräne und rostige Schiffe, denen man keine Seemeile mehr zutraut. Links die Kurische Nehrung und eine Stille, die über dem Wasser schwebt. Ein etwa siebzigjähriger Mann, Sonnenbrand im Gesicht, kann seinen Blick nicht vom Ufer lösen. Er ist sechs Wochen durch Litauen geradelt. "Diese Blumenwiesen", sagt er, "das Land ist ein einziges Naturschutzgebiet." Und in seinen Augen leuchtet etwas. Glück. Astrid Thomsen