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Die Mitte Europas (2002)

Ostsee, Sanddünen und endlose Kiefernwälder empfangen Besucher im Baltikum. Seit 1999 ist die Visapflicht Vergangenheit. Die Radwelt-Autoren Christine Mohr und Jürgen Reimer machten sich auf, um die Mitte Europas neu zu entdecken.

Was ist hier anders als bei uns zu Hause? Erst nach längerer Fahrt stellen wir fest: Es gibt keine Zäune, und die Felder und Wiesen erscheinen endlos. Auf den kleinen Stras-sen herrscht nur wenig Auto­verkehr. Hier finden wir Ruhe. Die Fähre bringt uns nach Klaipeda (dt. Memel), dem ein­zigen Fährhafen Litauens. Zu­erst geht es auf die Kurische Nehrung (Neringa), einen vor etwa 15.000 Jahren entstan­denen, rund 100 Kilometer langen, schmalen Sandwall. Ein eindrucksvoller National­park aus Sand, Kiefern und Wasser. Die Reise verläuft, dem Memeltal (Nemunas)fol-gend, nach Osten. Bewohner haben die Holzhäuser in ihren Dörfern knallbunt gestrichen. Gelb ist eine äußerst beliebte Farbe. Liebevoll sind die Vor-und Gemüsegärten gepflegt. Kaunas, Hansestadt an der Memel, lockt mit kleinen Gas­sen und dem Teufelsmuseum. Mutig wagen wir uns in die „Höhle des Bösen" mit über 2.000 Luzifern.

Inmitten des Sees Galve liegt die einzige noch erhalte­ne gotische Wasserburg Euro­pas: Trakai. Imposant erhebt sich dieses backsteinerne Mo­nument inmitten des histori­schen Nationalparks. Einstiges Bollwerk gegen die Ordens-ritterdes 13. Jahrhunderts, hat dieser Bau heute noch hohe nationale Bedeutung und ist sogar auf einem Geldschein abgebildet.

Vilnius (Wilna), alte Hanse-und Hauptstadt, war im Mit-telalter ein wichtiger Platz für den Getreidehandel mit Weißrussland. Heute bestim­men junge Menschen das Straßenbild, mit modernen Autos, Handys und Laptops. Die baltischen Staaten sind ei­ne aufstrebende Region, die alles Vergangene aus Zeiten der UdSSR hinter sich lässt und zum Quantensprung in eine neue Ära ansetzt. Noch steckt sie in den Startlöchern. Das spüren wir auch bei der Ouar-tiersuche: Selten entdecken wir einen Hinweis auf eine Zimmervermietung. Hotels finden sich nur in größeren Städten, und dann in unter­schiedlichster Qualität. Von realsozialistischem Charme früherer Zeiten bis hin zu mo­dernsten Komforthotels ist alles anzutreffen.

Ferien auf dem Bauernhof etabliert sich bereits, von alt bis ganz modern. In Kalna Bu­rini entdecken wir einen Hof aus dem Jahr 1830, original eingerichtet und denkmalge­schützt. Imants, unser Gast­geber, begrüßt unsfreundlich und führt ins Haus. In seinem Prospekt haben wir gelesen: „Wohnen wie im Museum. Alles ist hier echt. Es duftet nach Kräutertee und selbstge­machtem Wein. Das Wohn-

zimmer kann mitbenutzt werden". Stimmt! Allerdings bleibt uns auch gar nichts an­deres übrig, denn die Betten stehen, umrahmt von ausge­stopften Tieren, mitten im Wohnzimmer. Original 1830, auch die Matratzen. Kein fließend Wasser, kein E-Herd, kein Gas, Trockenklo neben dem Hühnerstall. So lebt hier noch ein großer Teil der Land­bevölkerung.

Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sind groß. Es gelingt uns in aller Regel mit Durchfragen, ein ansprechen­des Quartier zu finden. Wenn wir unser Zelt aufstellen wol­len, ist dies recht unproblema­tisch. In den baltischen Län­dern besteht wie in Schweden ein „Jedermannsrecht". Am See gelegen finden wir einen kleinen Zeltplatz mit Sand­strand, Feuerstelle, Schwen­gelpumpe und hölzernem Ört­chen. Auch mancher Bauer ist bereit, uns ein Fleckchen auf seiner Wiese zu überlassen.

Echte Radlerportionen

Das Essen im Baltikum ist grandios. Echte Radlerportio­nen, deftig, viel Fleisch, Kar­toffeln in ordentlich Fett ge­braten. Lecker, lecker, lecker. Dazu meist schmackhaftes Pils. Wein bleibt eher die Aus­nahme. Etwa 25 Kilometer nördlich von Vilnius erreichen wir einen unscheinbaren Hü­gel. Die Koordinaten: 25° 19' öl., 54° 54' n.Br. Ein Stein im Boden markiert die besondere Bedeutung. 1989 errechneten zwei französische Ingenieure: Dies ist das geografische Zen­trum unseres Kontinents. Wir stehen in dieser menschenver­lorenen Gegend in der Mitte Europas.

Im Osten des Landes, in Hochlitauen, radeln wir in den Aukstaitija Nationalpark. In Paluse befindet sich das kleine Besucher- und Ferienzentrum. Tief tauchen wir hier abseits der Touristenströme in realso­zialistische Vergangenheit ein, was Service und Unter­bringung betrifft. Alles wirkt heruntergekommen. Aber Ru­he und Natur ziehen uns in ihren Bann und wir erleben grandiose Sonnenuntergänge über der Weite der Seen.

Die Straßen auf unserem Weg nach Norden sind von un­terschiedlicher Qualität, aber überwiegend asphaltiert. Wir nutzen Rastplätze mit Tischen und Bänken oder setzen uns in die Bushaltestellen. Sie haben fast immer eine Bank, die größeren sogar ein Schutzhäuschen und Toilette. Mit Es­sen und Trinken sind wir gut versorgt. Es gibt in beinahe je­dem Dorf einen Laden.

Über Birzai reisen wir nach Lettland ein. Die Grenzkon­trolle ist eine reine Formalität. Ein Beamter winkt uns an der langen Autoschlange vorbei, drückt seinen Stempel in die Pässe, dann tauschen wir noch ein wenig Geld. Kurz hinter Bauska erreichen wir Pilsrun­dale (Schloss Ruhenthal), ein schönes Barockgebäude mit wechselvoller Geschichte. In Zeiten der Sowjetunion wur­de es vielfältig genutzt: Als Getreidespeicher, Sportstätte und als Bildungszentrum. Schließlich verfiel es im Laufe der Jahre. Nun ist es wieder herausgeputzt. Aber wenige Besucher verlaufen sich bis­lang hierher.

Erst Sauna,

dann Bratkartoffeln

Ganz in der Nähe über­nachten wir auf dem Bauern­hof Straumeni. Gastgeberin E merite empfängt uns auf das Herzlichste. Sie spricht ein we­nig Deutsch und freut sich, dass wir mit Rädern von Deutschland biszuihrgekom-men sind. Da müssten wir doch Hunger haben!? Klar haben wir Hunger, und sofort bereitet sie das Abend­essen. Wir erhalten ein gutes, komfortables Zimmer. Die Sauna ist geheizt. Salat, Brat­kartoffeln, Gemüse und Schnitzel stehen anschließend auf dem Tisch.

Die Hauptstadt Riga, 800 Jahre jung, empfängt uns im Rhythmus einer modernen Metropole. Sie gilt als „das kleine Paris des Nordens" mit ihrer Altstadt und den pracht­vollen Jugendstilgebäuden. Von hier geht es Richtung Nor­den durch den Gauja Natio­nalpark überSigulda undCesis nach Valmiera. Von der großen Sprungschanze blicken wir über beeindruckendes Grün -41 Prozent der Landesfläche sind bewaldet. In Valka/Valga reisen wir nach Estland ein. Quer durch die Stadt verläuft die Landesgrenze. Von hier ab werden die Straßen auf dem Weg an den Pühäjärve (Heili­gensee) bei Otepää noch ein­samer.

Inselhüpfen

Überden Badeort Pärnu ge­langen wir an die Ostseeküs­te und nehmen das Fährschiff hinüber zu den Inseln Muhu und Saaremaa. Seichte Hügel begleiten uns auf der Fahrt nach Koguva, einem idylli­schen Dorf aus dem 16. Jahr­hundert. Hier stehen noch alle Gebäude an ihren ursprüngli­chen Plätzen, denn Koguva ist mit seinen 30 Einwohnern ein lebendiges Museum, umge­ben von Wacholderbüschen.

Saaremaa ist die größte der estnischen Inseln mit dem Hauptort Kuressaare (Arens-burg), der benannt ist nach der gut erhaltenen Bischofsburg aus dem 14. Jahrhundert. Der Name leitet sich von dem alt­hochdeutschen Wort Aar (Ad­ler) ab, es ist also die Burg des Adlers. Weiter geht die Fahrt vorbei an dem Kirchlein von Jalgava hinauf nach Norden zu den Windmühlen von Angla, gleich fünf an der Zahl. Per Fähre setzen wir über nach Hi-iumaa (Ösel) und weiter aufs Festland nach Haapsalu. Ent­lang fast menschenleerer Sandstrände erreichen wir Tallinn (Reval). Mittelalterli­che Türme kündigen Estlands Hauptstadt an. Entlang der imposanten Stadtmauer geht es Richtung Marktplatz und schließlich hinunterzum Fähr­anleger. Langsam tragen uns die starken Maschinen der Finnjet aus dem Hafen, die Häuser und Türme werden kleiner.