Was ist hier anders als bei uns zu Hause? Erst nach längerer Fahrt stellen wir fest: Es gibt keine Zäune, und die Felder und Wiesen erscheinen endlos. Auf den kleinen Stras-sen herrscht nur wenig Autoverkehr. Hier finden wir Ruhe. Die Fähre bringt uns nach Klaipeda (dt. Memel), dem einzigen Fährhafen Litauens. Zuerst geht es auf die Kurische Nehrung (Neringa), einen vor etwa 15.000 Jahren entstandenen, rund 100 Kilometer langen, schmalen Sandwall. Ein eindrucksvoller Nationalpark aus Sand, Kiefern und Wasser. Die Reise verläuft, dem Memeltal (Nemunas)fol-gend, nach Osten. Bewohner haben die Holzhäuser in ihren Dörfern knallbunt gestrichen. Gelb ist eine äußerst beliebte Farbe. Liebevoll sind die Vor-und Gemüsegärten gepflegt. Kaunas, Hansestadt an der Memel, lockt mit kleinen Gassen und dem Teufelsmuseum. Mutig wagen wir uns in die „Höhle des Bösen" mit über 2.000 Luzifern.
Inmitten des Sees Galve liegt die einzige noch erhaltene gotische Wasserburg Europas: Trakai. Imposant erhebt sich dieses backsteinerne Monument inmitten des historischen Nationalparks. Einstiges Bollwerk gegen die Ordens-ritterdes 13. Jahrhunderts, hat dieser Bau heute noch hohe nationale Bedeutung und ist sogar auf einem Geldschein abgebildet.
Vilnius (Wilna), alte Hanse-und Hauptstadt, war im Mit-telalter ein wichtiger Platz für den Getreidehandel mit Weißrussland. Heute bestimmen junge Menschen das Straßenbild, mit modernen Autos, Handys und Laptops. Die baltischen Staaten sind eine aufstrebende Region, die alles Vergangene aus Zeiten der UdSSR hinter sich lässt und zum Quantensprung in eine neue Ära ansetzt. Noch steckt sie in den Startlöchern. Das spüren wir auch bei der Ouar-tiersuche: Selten entdecken wir einen Hinweis auf eine Zimmervermietung. Hotels finden sich nur in größeren Städten, und dann in unterschiedlichster Qualität. Von realsozialistischem Charme früherer Zeiten bis hin zu modernsten Komforthotels ist alles anzutreffen.
Ferien auf dem Bauernhof etabliert sich bereits, von alt bis ganz modern. In Kalna Burini entdecken wir einen Hof aus dem Jahr 1830, original eingerichtet und denkmalgeschützt. Imants, unser Gastgeber, begrüßt unsfreundlich und führt ins Haus. In seinem Prospekt haben wir gelesen: „Wohnen wie im Museum. Alles ist hier echt. Es duftet nach Kräutertee und selbstgemachtem Wein. Das Wohn-
zimmer kann mitbenutzt werden". Stimmt! Allerdings bleibt uns auch gar nichts anderes übrig, denn die Betten stehen, umrahmt von ausgestopften Tieren, mitten im Wohnzimmer. Original 1830, auch die Matratzen. Kein fließend Wasser, kein E-Herd, kein Gas, Trockenklo neben dem Hühnerstall. So lebt hier noch ein großer Teil der Landbevölkerung.
Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sind groß. Es gelingt uns in aller Regel mit Durchfragen, ein ansprechendes Quartier zu finden. Wenn wir unser Zelt aufstellen wollen, ist dies recht unproblematisch. In den baltischen Ländern besteht wie in Schweden ein „Jedermannsrecht". Am See gelegen finden wir einen kleinen Zeltplatz mit Sandstrand, Feuerstelle, Schwengelpumpe und hölzernem Örtchen. Auch mancher Bauer ist bereit, uns ein Fleckchen auf seiner Wiese zu überlassen.
Echte Radlerportionen
Das Essen im Baltikum ist grandios. Echte Radlerportionen, deftig, viel Fleisch, Kartoffeln in ordentlich Fett gebraten. Lecker, lecker, lecker. Dazu meist schmackhaftes Pils. Wein bleibt eher die Ausnahme. Etwa 25 Kilometer nördlich von Vilnius erreichen wir einen unscheinbaren Hügel. Die Koordinaten: 25° 19' öl., 54° 54' n.Br. Ein Stein im Boden markiert die besondere Bedeutung. 1989 errechneten zwei französische Ingenieure: Dies ist das geografische Zentrum unseres Kontinents. Wir stehen in dieser menschenverlorenen Gegend in der Mitte Europas.
Im Osten des Landes, in Hochlitauen, radeln wir in den Aukstaitija Nationalpark. In Paluse befindet sich das kleine Besucher- und Ferienzentrum. Tief tauchen wir hier abseits der Touristenströme in realsozialistische Vergangenheit ein, was Service und Unterbringung betrifft. Alles wirkt heruntergekommen. Aber Ruhe und Natur ziehen uns in ihren Bann und wir erleben grandiose Sonnenuntergänge über der Weite der Seen.
Die Straßen auf unserem Weg nach Norden sind von unterschiedlicher Qualität, aber überwiegend asphaltiert. Wir nutzen Rastplätze mit Tischen und Bänken oder setzen uns in die Bushaltestellen. Sie haben fast immer eine Bank, die größeren sogar ein Schutzhäuschen und Toilette. Mit Essen und Trinken sind wir gut versorgt. Es gibt in beinahe jedem Dorf einen Laden.
Über Birzai reisen wir nach Lettland ein. Die Grenzkontrolle ist eine reine Formalität. Ein Beamter winkt uns an der langen Autoschlange vorbei, drückt seinen Stempel in die Pässe, dann tauschen wir noch ein wenig Geld. Kurz hinter Bauska erreichen wir Pilsrundale (Schloss Ruhenthal), ein schönes Barockgebäude mit wechselvoller Geschichte. In Zeiten der Sowjetunion wurde es vielfältig genutzt: Als Getreidespeicher, Sportstätte und als Bildungszentrum. Schließlich verfiel es im Laufe der Jahre. Nun ist es wieder herausgeputzt. Aber wenige Besucher verlaufen sich bislang hierher.
Erst Sauna,
dann Bratkartoffeln
Ganz in der Nähe übernachten wir auf dem Bauernhof Straumeni. Gastgeberin E merite empfängt uns auf das Herzlichste. Sie spricht ein wenig Deutsch und freut sich, dass wir mit Rädern von Deutschland biszuihrgekom-men sind. Da müssten wir doch Hunger haben!? Klar haben wir Hunger, und sofort bereitet sie das Abendessen. Wir erhalten ein gutes, komfortables Zimmer. Die Sauna ist geheizt. Salat, Bratkartoffeln, Gemüse und Schnitzel stehen anschließend auf dem Tisch.
Die Hauptstadt Riga, 800 Jahre jung, empfängt uns im Rhythmus einer modernen Metropole. Sie gilt als „das kleine Paris des Nordens" mit ihrer Altstadt und den prachtvollen Jugendstilgebäuden. Von hier geht es Richtung Norden durch den Gauja Nationalpark überSigulda undCesis nach Valmiera. Von der großen Sprungschanze blicken wir über beeindruckendes Grün -41 Prozent der Landesfläche sind bewaldet. In Valka/Valga reisen wir nach Estland ein. Quer durch die Stadt verläuft die Landesgrenze. Von hier ab werden die Straßen auf dem Weg an den Pühäjärve (Heiligensee) bei Otepää noch einsamer.
Inselhüpfen
Überden Badeort Pärnu gelangen wir an die Ostseeküste und nehmen das Fährschiff hinüber zu den Inseln Muhu und Saaremaa. Seichte Hügel begleiten uns auf der Fahrt nach Koguva, einem idyllischen Dorf aus dem 16. Jahrhundert. Hier stehen noch alle Gebäude an ihren ursprünglichen Plätzen, denn Koguva ist mit seinen 30 Einwohnern ein lebendiges Museum, umgeben von Wacholderbüschen.
Saaremaa ist die größte der estnischen Inseln mit dem Hauptort Kuressaare (Arens-burg), der benannt ist nach der gut erhaltenen Bischofsburg aus dem 14. Jahrhundert. Der Name leitet sich von dem althochdeutschen Wort Aar (Adler) ab, es ist also die Burg des Adlers. Weiter geht die Fahrt vorbei an dem Kirchlein von Jalgava hinauf nach Norden zu den Windmühlen von Angla, gleich fünf an der Zahl. Per Fähre setzen wir über nach Hi-iumaa (Ösel) und weiter aufs Festland nach Haapsalu. Entlang fast menschenleerer Sandstrände erreichen wir Tallinn (Reval). Mittelalterliche Türme kündigen Estlands Hauptstadt an. Entlang der imposanten Stadtmauer geht es Richtung Marktplatz und schließlich hinunterzum Fähranleger. Langsam tragen uns die starken Maschinen der Finnjet aus dem Hafen, die Häuser und Türme werden kleiner.